Kriegskinder / Kriegsenkel

Ich bin froh, dieses Buch gelesen zu haben. Es gibt ja mittlerweile viel Literatur über dieses Thema, welches uns wohl nie verlassen wird. Die Kriege hören ja nie auf. Aber keines ist so persönlich und verständlich wie dieses.

Der Inhalt kurz ins Stichpunkten

  • Die Traumatas der Großeltern & Eltern und was sie in den
    Seelen der nachfolgenden Generationen anrichten können
  • Ein kurzer, allgemeinverständlicher Einblick in die Neuroepigenetik
  • Die Spurensuche des Autors und seines Vaters in Belarus und die ewige Frage,
    war Opa ein Kriegsverbrecher, hat er Schuld auf sich geladen und diese dann
    weitergegeben? Die Kapitel über „Weissrußland“ sind momentan besonders
    aktuell, vermitteln sie doch einen kurzen aber interessanten Einblick in das
    Denken und die Gefühle der dortigen Bewohner. Belarus (so sollten wir des
    nennen) litt ja als ehemaliger Sowjetstaat mit am meisten unter den
    verbrecherischen Handlungen der deutschen Invasoren.

Für mich ein wichtiges Buch.

Es gibt dazu auch einen langen Film, eine DVD mit Bonusmaterial und eine Internetseite. Aber guugeln könnt ihr ja alle.
Bildschirmfoto 2020-08-18 um 09.44.14

Das Buch:
Sebastian Heinzel
Der Krieg in mir
Welche Spuren haben die Erfahrungen der Kriegsgeneration in uns hinterlassen?
Kamphausen Media GmbH, Bielefeld 2020

Erich Mühsam singt ein Kriegslied

Sengen, brennen, schießen, stechen,
Schädel spalten, Rippen brechen,
spionieren, requirieren,
patrouillieren, exerzieren,
fluchen, bluten, hungern, frieren …
So lebt der edle Kriegerstand,
die Flinte in der linken Hand,
das Messer in der rechten Hand –
mit Gott, mit Gott, mit Gott,
mit Gott für König und Vaterland.

Aus dem Bett von Lehm und Jauche
zur Attacke auf dem Bauche!
Trommelfeuer – Handgranaten –
Wunden – Leichen – Heldentaten –
bravo, tapfere Soldaten!
So lebt der edle Kriegerstand,
das Eisenkreuz am Preußenband,[101]
die Tapferkeit am Bayernband,
mit Gott, mit Gott, mit Gott,
mit Gott für König und Vaterland.

Stillgestanden! Hoch die Beine!
Augen gradeaus, ihr Schweine!
Visitiert und schlecht befunden.
Keinen Urlaub. Angebunden.
Strafdienst extra sieben Stunden.
So lebt der edle Kriegerstand.
Jawohl, Herr Oberleutenant!
Und zu Befehl, Herr Leutenant!
Mit Gott, mit Gott, mit Gott,
mit Gott für König und Vaterland.

Vorwärts mit Tabak und Kümmel!
Bajonette. Schlachtgetümmel.
Vorwärts! Sterben oder Siegen!
Deutscher kennt kein Unterliegen.
Knochen splittern, Fetzen fliegen.
So lebt der edle Kriegerstand.
Der Schweiß tropft in den Grabenrand,
das Blut tropft in den Straßenrand,
mit Gott, mit Gott, mit Gott,
mit Gott für König und Vaterland.

Angeschossen – hochgeschmissen –
Bauch und Därme aufgerissen.
Rote Häuser – blauer Äther –
Teufel! Alle heiligen Väter! …
Mutter! Mutter!! Sanitäter!!!
So stirbt der edle Kriegerstand,
in Stiefel, Maul und Ohren Sand
und auf das Grab drei Schippen Sand –
mit Gott, mit Gott, mit Gott,
mit Gott für König und Vaterland.

Erich Mühsam

Und das Ende vom Lied:

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Es waren Brüder, sie starben (das Wort „fielen“ versuche ich zu vermeiden) innerhalb von 2 Jahren im Alter von 23, 26 und 30 Jahren. Die Familie bestand dann nur noch aus den Eltern und der jüngsten Schwester. Ich komme auf dem Weg zum Grab meiner Eltern oft daran vorbei und erschaudere jedes mal bei dem unfassbaren Gedanken wie das ist, wenn eine Mutter innerhalb kürzester Zeit ihre 3 Söhne verliert.

Glücklicherweise kam mein Vater aus dem Krieg – nein er kam nicht „zurück“.
Für ihn gab es keine Heimat mehr.
Er war plötzlich „staatenloser Ausländer“ und Kriegskrüppel in einem fremden Land dessen Sprache er nicht sprach. Sein Bruder kämpfte und starb auf der anderen Seite.
Aber dass ist alles eine ganz andere Geschichte.

Erich Mühsam beschreibt mit seinem Gedicht den 1. Weltkrieg, die 3 Brüder und mein Vater kämpften und litten (im Falle meines Vaters bis zu seinem Tod) im 2. Weltkrieg. Es macht keinen Unterschied – bis heute nicht.

Wird sich der Mensch jemals ändern?

Zum Schluss: