Landschaft

„Wir versuchen uns an dem äußeren Bilde andrer bewohnter Gestirne wohl selten über ein gewisses Maß von Kraft und Erfolg hinaus. Und doch — Landschaft, ins Unendliche variiert! Welch eine Vorstellung!
Jede Landschaft hat ihre eigene besondere Seele, wie ein Mensch, dem du gegenüberlebst. Dies wirst du am deutlichsten empfinden, wenn du den Eindruck einer gegenwärtigen mit dem wiederbeschworenen vergleichst, den eine andere, frühere, deiner Seele eingeprägt hat. Etwa wenn du einen Ausschnitt der gegenwärtigen betrachtest, der recht gut auch jener vergangenen angehören könnte, — so daß dir eine Weile so unheimlich zumute wird, als glaubtest du die Hand eines Abwesenden oder gar Verstorbenen zu halten, während es doch, wie du weißt, die des dir Gegenüberstehenden ist.“

(1912 / Natur)

Auszug aus: Christian Morgenstern. „Stufen / Eine Entwickelung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen.“  Veröffentlicht posthum im Oktober 1917

(„Entwickelung“ – genau so steht es auf dem Buchumschlag)

Und übrigens findet ihr hier eine Rezension von Kurt Tucholsky dazu.

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Bild © E. A. Brokans