Inkognito

Der Distelfalter will dem Fotografen keine datenschutzrechtlichen Schwierigkeiten machen und versteckt sein Gesicht lieber hinter dem Lavendel.

Metamorphosen (Ausschnitt)

Sonst war meine Seele ein Schmetterling,
Ein leichter, feiner, blütenverliebter Schmetterling,
Der sich im Sonnenscheine von weichen Winden
Gerne tragen ließ, wie ein Blumenblatt;
Und er steckte sein Saugrüsselchen gerne in alle Süßigkeit,
Und er berauschte sich gerne am Tausendblumengeist,
Und im offenen, samenstaubduftigen Schoße üppiger,
Buttergelber Rosen schlief er gerne,
Der sorgenlose, leichtsinnige,
Frei schwebende Schmetterling meiner Seele.

Weißt du noch, meine Seele, wie du zum letztenmale
Schmetterling warst?

Otto Julius Bierbaum

Foto © E.A.Brokans

Ein neuer Gast

Manni der Falter hat einen neuen Freund. Der Schwalbenschwanz kam auf einen Abstecher vorbei um sich am Lavendel zu stärken. Er ist einer der größten Falter in der Gegend und fällt, neben den Farben natürlich, auch durch seinen hektischen Flug auf.
Machaon, wie er sich nannte, war unterwegs zu einem Date. Er sagte „Hilltoping“ dazu. Dieser Event findest nämlich meist auf Hügelkuppen statt. Die Altvorderen nannten es Gipfelbalz. Naja, in den Zeiten von Tinder etc. muss auch ein Schmetterling sprachlich mit der Zeit gehen. Sonst klappt das nicht mit dem Nachwuchs.

Foto © E.A.Brokans

Noch steht es frisch…

Was heut noch grün und frisch da steht,
Wird morgen schon hinweggemäht,
Die edlen Narzissen,
Die Zierden der Wiesen,
Die schön Hiazinthen,
Die türkischen Binden.
Hüte dich schöns Blümelein!

Viel hunderttausend ungezählt,
Was nur unter die Sichel fällt,
Ihr Rosen, ihr Lilien!
Euch wird man austilgen,
Auch die Kaiserkronen
Wird man nicht verschonen,
Hüte dich schöns Blümelein! –

Das himmelfarbne Ehrenpreis,
Die Tulipane gelb und weiß,
Die silbernen Glocken,
Die goldnen Flocken,
Sinkt alles zur Erden,
Was wird daraus werden?
Hüte dich schöns Blümelein!

Ihr hübsch Lavendel, Rosmarin,
Ihr vielfarbige Röselin,
Ihr stolze Schwerdlilgen,
Ihr krause Basilgen,
Ihr zarte Violen,
Euch wird man bald holen. –
Hüte dich schöns Blümelein! –

Clemens Brentano

Foto © e.a.brokans

Es ist endlich wieder an der Zeit…

…für einen Morgenstern!

Philanthropisch

Ein nervöser Mensch auf einer Wiese
wäre besser ohne sie daran;
darum seh er, wie er ohne diese
(meistens mindstens) leben kann.

Kaum daß er gelegt sich auf die Gräser,
naht der Ameis, Heuschreck, Mück und Wurm,
naht der Tausendfuß und Ohrenbläser,
und der Hummel ruft zum Sturm.

Ein nervöser Mensch auf einer Wiese
tut drum besser, wieder aufzustehn
und dafür in andre Paradiese
(beispielshalber: weg) zu gehen.

Christian Morgenstern

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans