Aber öffne…

Aber öffne nur die Türe,
Aber tritt nur auf die Schwelle,
Hebe kaum den Blick und spüre
Schon die ungeheure Helle,
Schon den Glanz der leeren Räume,
Die wie Wiese rasch erblühten,
Schon den Tanz der schweren Träume,
Die sich hoben, die erglühten…
Zärtliche beschwingte Welle,
Sieh, kein Lufthauch, der nicht rühre – –
Aber tritt nur auf die Schwelle,
Aber öffne nur die Türe!

Maria Luise Weissmann

Foto © e.a.brokans

Foto © e.a.brokans

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Obacht, stachelig!

Kakteen

Sie stehen jahrelang im Topf aus Ton,
Verstockte in sich, selbstverliebte Käuze,
In einer rätselhaft verbißnen Fron
Der Form: sind Kugel, Kegel, Kreuze,

Sie gleichen Birnen, mißgebornen Köpfen,
Sind Stein-Gespenster, Schlange, Hand:
Verfeindet so dem Außen, daß in Schöpfen
Stacheln aufstehn um sie wie eine Wand,

Dahinter sie verharrn, anarchisch, kündend,
Prophet und Gott, ihr selbstbeseßnes Ich,
Bis sie auf einmal stumm, in Blumen mündend,
Sich ganz verschweigen, opfern, löschen sich.

Maria Luise Weissmann

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Ich mag Kakteen. Das ist allerdings nichts besonderes, denn eigentlich mag ich ja alle Pflanzen.

In der Blumensprache steht der Kaktus für:

Eigenwilligkeit,
Kratzbürstigkeit,
Introvertiertheit
Egoismus
Dickköpfigkeit
Individualität
Ausdauer

Da könnte ich mir jetzt etwas Passendes aussuchen. Ausdauer ist es mit Sicherheit nicht. Der Rest: Ja, vielleicht – mehr oder weniger. Aber was mir in der Liste fehlt ist die Unnahbarkeit. Der Kaktus versucht sich mit seinen Stacheln zu schützen. „Komm mir ja nicht zu nahe“ ist seine Devise. Das ist mir eigentlich die liebste Eigenschaft. Wie der Kaktus versuche ich möglichst eine Distanz zwischen meinen Mitmenschen und mir zu wahren. Kommt mir jemand zu nahe, kann es schon sein das ich steche. Natürlich nicht mit Stacheln oder anderem stichfähigem Material. Eher mit Worten oder so. Manchmal wird dabei  jemand verletzt. Das tut mir dann wiederum leid, und ich versuche mich mit einer Blüte zu revanchieren.

Übrigens, kennt ihr den Film „Die Kaktusblüte“ mit Ingrid Bergmann. Walter Matthau und Goldie Hawn aus dem Jahre 1969?
Hier eine kurzer, kulturhistorisch wertvoller Ausschnitt, mit  Einblicken in die Tanz – und Kleidermode jener Zeit:

Montagmorgenmotivation…

….oder etwa nicht?

Ich bin sehr müde

Mein Fenster lehnt sich weit in den Abend hinaus,
Die Wolken stehen über den Dächern, ein Blumenstrauß,
Die Luft streichelt mich und ist sanft und voll großer Güte.
Ich aber halte die Hände gefaltet, denn ich bin müde,
Und höre verwundert auf das beschwingte Schreiten
Der Menschen, die auf der Straße vorübergleiten,
So sehr sind ihnen heute die Glieder leicht.
Nur ich liege, schwergebettet in meine Müde.
Manchmal höre ich einen Schritt, der Deinem gleicht,
Dann bin ich, Geliebter, wie die Musik der Schritte leicht
Und wie die Wolken über den Dächern silberne Blüte.

Maria Luise Weissmann
1899 – 1929

Photo © e.a.brokans

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