Jasmin

Wachsbleich fließt die Sommernacht.
Auf erddunkeln faulen Lachen
Bleisüß rosigblaue Irishäute.
Wetterleuchten, schwefelgrün, in Splittern.
Eine weiße dünne Schlange sticht
Züngelnd nach dem blauen Mond.

Max Dauthendey

Quelle: Max Dauthendey, Gesammelte Werke in 6 Bänden, Band 4: Lyrik und kleinere Versdichtungen, München 1925 Fundort:http://www.zeno.org/nid/20004685652  – Gemeinfrei
Bildschirmfoto 2020-06-18 um 19.53.48

Bild © EAB

Randnotiz

Eine kleine gute Nachricht am Rande und zum Rande. Den dort wächst er wieder, der Klatschmohn und auch die Kornblume und so manch anderes „Unkraut“. Zumindest in meiner Gegend sind nicht nur die Feldraine sondern auch die Straßenränder bis hin zur Bundesstraßenböschung übersät mit den roten und blauen Tupfen. War vor einigen Jahren noch nicht so. Oder habe ich nur nicht darauf geachtet?

Und auch den Äckern gingen Augen auf

Und auch den Äckern gingen Augen auf.
Kornblumen, die stahlblauen, stummen,
Betrachten wie Augen der Sonne Lauf.

Ihre Farbe ist ehrfürchtig und tief.
Sie wohnen ernst auf den Ackerkrumen,
Die blaue Ruhe sie aus der Erde rief;

Der Himmel stückweis auf der Erd‘ einzieht
Und grünende Ähren über ihm summen,
Und eine Kornblum‘ der andern wie Aug‘ ins Auge sieht.

Max Dauthendey (Lusamgärtlein, Frühlingslieder aus Franken)

Foto © E.A.Brokans

Zuviel Wonne?

Für all jene, denen der letzte Blogeintrag doch etwas zu wonniglich war, hätte ich hier noch mal eine etwas gedämpftere Ausführung der momentan vorherrschenden Buntblätterjubelei:

Das Laub, das im Sommer so rauschend sang,
Das Laub ist von den Bäumen gestiegen.
Voll stiller Blätter, gelb und braun,
Liegen noch stiller die stillen Wege.

Wie Duft von tausend Küssen und Tränen
Schweben Nässen über den Blättern,
Über den tausend herben Blättern,
Die nun sterben.

Max Dauthendey
1867 – 1918

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Seerosenblätter

Es schwimmen die Seerosenblätter im Teich
Wie kleine Inseln und wie flache Kähne.
Es heben sich Geisterrosen aus dem Wasserreich
Über den Wasserrahmen geräuschlos und bleich,
Und um ihre Bilder gleiten die Schwäne.

Als riefe einer sie schlafwandelnd stumm herauf,
Als öffnet sich der Sehnsucht selbst die Wassertiefe,
Biegen sich über die großen Blätter, die regungslosen,
Weitaufgeschlagen in Tagen und Nächten, die Rätselrosen.

Max Dauthendey
1867 – 1918

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Eigentlich…

…wollte ich als Überschrift „Hommage à Rothko“ schreiben. Aber das war mir dann doch etwas zu überkandidelt. Ich kann mich nicht mal guten Gewissens als Urheber des Photos bezeichnen. Es wurde beim auslesen der Speicherkarte mit rüber kopiert. Nur das Format wurde verändert. Wo es herkommt? Keine Ahnung – ich schwör! Und nein – ich habe kein orange-rotes Ledersofa, aber die Farbe ist tatsächlich eine meiner Lieblingsfarben.

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Im Grunde sprechen mich alle Farben an, auch mit einem lebhaften Grau kann ich mich anfreunden.
Bevorzugt gefallen mir natürlich  „Die Farben, die der Grauwinter vergaß“. Es ist zwar noch etwas früh für Frühlingsgedichte, aber ein Dauthendey schadet ja nicht.

Die Farben, die der Grauwinter vergaß,
Kommen vom Berg herüber über die Straß‘:
Das Grasgrün und das Rot von Ziegeln sommerheiß,
Das Himmelblau und gezupfter Wolken Daunenweiß.
Ländlich gekleidet, wie aus Bauernschränken und Truhen,
Geht der Frühlingstag auf frischen staublosen Schuhen,
Geht gedankenlos alter Sitte und alten Wegen nach;
Schnellt die flugfrohen Schwalben wieder über das Dach,
Läßt kleine fiebernde Lerchen singen und ruft Herzfarben wach.

Max Dauthendey

Eine kleine Ergänzung. Minimalmusik heißt sowas (glaube ich zumindest):

Wildapfelblüten

Zerblättern die Apfelblüten

Wie kleines feines Papier zerblättern die Apfelblüten,
Schier ein Atemhauch entführt sie dir,
Kannst sie mit keiner Hand vorsichtig hüten.

Sind wie ein rosiger Hauch, der über Nacht entstand,
Und sie entschweben auch, eh du’s gedacht;
Haben glückliche Augenblicke in die Leere gebracht.

Sind wie Liebessekunden flüchtig entschwunden.
Waren in Gedanken unendlich groß, regnen zur Erde lautlos
Und liegen dir wie ein Blättlein Papier unscheinbar im Schoß.

Max Dauthendey

Photo © e.a.brokans 2015.04

Photo © e.a.brokans 2015.04

Der Himmel, weiß und blau.

Augen und Fenster haben noch nicht Licht genug

Blau und weiß und weiß und blau
stehen die Wolken zerteilt zur Schau,
Liegt die Erde blank, frei wie ein grüner Teller
Und überreicht die Sonne als goldenes Ei.
Über mein Fenster streicht der Vögel Flug
Und fährt am silbergetriebenen Gewölk vorbei.
Augen und Fenster haben noch nicht Licht genug
Und erwarten der Liebsten wolkenfreies Gesicht
Und ihre Wünsche, die sie wie ein Gedicht ins Blaue spricht.

Max Dauthendey
1867 – 1918

© mannigfaltiges 2015.04

© mannigfaltiges 2015.04