Zuviel Wonne?

Für all jene, denen der letzte Blogeintrag doch etwas zu wonniglich war, hätte ich hier noch mal eine etwas gedämpftere Ausführung der momentan vorherrschenden Buntblätterjubelei:

Das Laub, das im Sommer so rauschend sang,
Das Laub ist von den Bäumen gestiegen.
Voll stiller Blätter, gelb und braun,
Liegen noch stiller die stillen Wege.

Wie Duft von tausend Küssen und Tränen
Schweben Nässen über den Blättern,
Über den tausend herben Blättern,
Die nun sterben.

Max Dauthendey
1867 – 1918

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Seerosenblätter

Es schwimmen die Seerosenblätter im Teich
Wie kleine Inseln und wie flache Kähne.
Es heben sich Geisterrosen aus dem Wasserreich
Über den Wasserrahmen geräuschlos und bleich,
Und um ihre Bilder gleiten die Schwäne.

Als riefe einer sie schlafwandelnd stumm herauf,
Als öffnet sich der Sehnsucht selbst die Wassertiefe,
Biegen sich über die großen Blätter, die regungslosen,
Weitaufgeschlagen in Tagen und Nächten, die Rätselrosen.

Max Dauthendey
1867 – 1918

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Eigentlich…

…wollte ich als Überschrift „Hommage à Rothko“ schreiben. Aber das war mir dann doch etwas zu überkandidelt. Ich kann mich nicht mal guten Gewissens als Urheber des Photos bezeichnen. Es wurde beim auslesen der Speicherkarte mit rüber kopiert. Nur das Format wurde verändert. Wo es herkommt? Keine Ahnung – ich schwör! Und nein – ich habe kein orange-rotes Ledersofa, aber die Farbe ist tatsächlich eine meiner Lieblingsfarben.

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Im Grunde sprechen mich alle Farben an, auch mit einem lebhaften Grau kann ich mich anfreunden.
Bevorzugt gefallen mir natürlich  „Die Farben, die der Grauwinter vergaß“. Es ist zwar noch etwas früh für Frühlingsgedichte, aber ein Dauthendey schadet ja nicht.

Die Farben, die der Grauwinter vergaß,
Kommen vom Berg herüber über die Straß‘:
Das Grasgrün und das Rot von Ziegeln sommerheiß,
Das Himmelblau und gezupfter Wolken Daunenweiß.
Ländlich gekleidet, wie aus Bauernschränken und Truhen,
Geht der Frühlingstag auf frischen staublosen Schuhen,
Geht gedankenlos alter Sitte und alten Wegen nach;
Schnellt die flugfrohen Schwalben wieder über das Dach,
Läßt kleine fiebernde Lerchen singen und ruft Herzfarben wach.

Max Dauthendey

Eine kleine Ergänzung. Minimalmusik heißt sowas (glaube ich zumindest):

Wildapfelblüten

Zerblättern die Apfelblüten

Wie kleines feines Papier zerblättern die Apfelblüten,
Schier ein Atemhauch entführt sie dir,
Kannst sie mit keiner Hand vorsichtig hüten.

Sind wie ein rosiger Hauch, der über Nacht entstand,
Und sie entschweben auch, eh du’s gedacht;
Haben glückliche Augenblicke in die Leere gebracht.

Sind wie Liebessekunden flüchtig entschwunden.
Waren in Gedanken unendlich groß, regnen zur Erde lautlos
Und liegen dir wie ein Blättlein Papier unscheinbar im Schoß.

Max Dauthendey

Photo © e.a.brokans 2015.04

Photo © e.a.brokans 2015.04