München leuchtet…

…schwärmte schon Thomas Mann am Anfang seiner Novelle >Gladius Dei< von 1902. Ob er sich damals im Ratskeller ein paar Schöpperl zuviel gegönnt und sich von den dortigen Lampen hatte anregen lassen?
Eigentlich wollte er sich ja nur kritisch-ironisch über die damalige Kunststadt München echauffieren, mittlerweile gehört dieser Spruch allerdings zum Standardrepertoire des Fremdenverkehrsamtes; kein Reiseführer, kein Feuilleton kommt ohne ihn aus wenn es um München geht.
Wer sich besonderer Dienste um München verdient gemacht hat,  also fast jeder, bekommt die „München leuchtet – Den Freundinnen und Freunden Münchens“ – Medaille und Gerhard Polt (der diese Medaille natürlich auch bekam) und seine Freunde schildern 1984 in ihrer szenischen Kabaret-Revue gleichen Namens „Jagdszenen aus Münchens Bussi-Bussi- und Baulöwen-Schickeria“
Aber den Ratskeller können wir wohl als Inspirationsquelle für den Wahlmünchner T.M. anschließen. Er wurde erst 1905 in seiner jetzigen Form ausgestattet.

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Die ganze Eingangssequenz lautet übrigens so: „München leuchtete. Über den festlichen Plätzen und weißen Säulentempeln, den antikisierenden Monumenten und Barockkirchen, den springenden Brunnen, Palästen und Gartenanlagen der Residenz spannte sich strahlend ein Himmel von blauer Seide, und ihre breiten und lichten, umgrünten und wohlberechneten Perspektiven lagen in dem Sonnendunst eines ersten, schönen Junitags.“

Im Flughafen Oberwiesenfeld

Am Flugplatz vor der Restauration
Sitzen wir morgens im Garten,
Trinken Whisky und warten. –
Ein Russe singt aus dem Grammophon.

Flugzeuge landen von Zeit zu Zeit
Und jedes aus anderer Gegend.
Ich höre, daß es in Bozen schneit
Und daß es in Hamburg regnet.

Ich hab eine arktische Landschaft gemalt.
Ein Herr hat das Bild gekauft und bezahlt,
Und ich weiß, daß er darauf wartet.
Wir setzen das Bild – als wär es ein Hauch –
Ganz zart in eines Flugzeuges Bauch.
Und nun: Dieses Flugzeug startet.

Flieg wohl, du Junkers, du stolzer,
Mit meinem eiskalten Bild im Leib!
Grüß Zürich, Hügin und dessen Weib
Und euren Herrn Mittelholzer!

Joachim Ringelnatz (1929) –

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Das Oberwiesenfeld in München war ein Militärgelände, welches ab 1909 auch als Flugplatz für Militär- und Zivilflieger genutzt wurde. 1929 entstand dort der erste vollwertige Zivilflugplatz von München. Leider lag er zwar äußerst verkehrsgünstig, nämlich fast mitten in der Stadt – das heutige Olympiagelände steht zum großen Teil auf dem ehemaligen Flugplatzgelände – aber aufgrund des wachsenden Luftverkehrs musste er schon 1939 durch München-Riem abgelöst werden. Die letzte Privatmaschine verließ den Platz allerdings erst 1968.

Karl Otto Hügin (1887 – 1963) ein Schweizer Maler und Grafiker, wurde regional durch Wandbilder und Fresken bekannt.  Anfang der 1920iger Jahre befreundete er sich bei 2 Aufenthalten in Berlin mit Joachim Ringelnatz.

Der ebenfalls erwähnte Walter Mittelholzer (1894 – 1937) war ein sehr bekannter Schweizer Luftfahrtpionier, Photograph und Reiseschriftsteller Er veröffentlichte unzählige Luftaufnahmen, u.a. überflog und photographierte dabei als erster den Kilimandscharo. Tragischerweise stürzte er bei einer Klettertour in der Steiermark ab – ohne Flugzeug.

PS. Mehr zu dem erwähnten Bild und zu Ringelnatz als Maler findet ihr weiter unten im Kommentar (und  in dem darin enthaltenen Link) von der Perlengazelle. Herzlichen Dank dafür!

Ringelnatz erinnert an Wedekind

Frank Wedekind
Bohèmien, Dichter, Dramatiker, Bürgerschreck und  verurteilter Majestätsbeleidiger.
Geboren 1864 in Hannover, starb er am 9. März 1918 in München an Typhus. 

Trost

Alle, die tot auf dem Schlachtfeld liegen,
Hatten ein Leben nur zu verlieren,
Und doch ist es stets wieder ein Vergnügen,
Europas Grenzen zu korrigieren.
Der Diplomat brummt verächtlich: Ach!
Die Menschen? Die wachsen rasch wieder nach.

Worte die eigentlich kein Verfallsdatum haben.
Aber es geht auch etwas frivoler:

Morgenstimmung

Leise schleich ich wie auf Eiern
Mich aus Liebchens Paradies,
Wo ich hinter dichten Schleiern,
Meine besten Kräfte ließ.

Traurig spiegelt sich der bleiche
Mond in meinem alten Frack;
Ach, die Wirkung bleibt die gleiche,
Wie das Kind auch heißen mag.

Wilhelmine, Karoline,
’s ist gesprungen wie gehupft,
Nur daß hier die Unschuldsmiene,
Dort dich die Routine rupft.

 

Zehn Jahre nach Wedekinds Tod gedachte Joachim Ringelnatz  seiner:

Wedekind war immer interessant,
Ein Stoßhorn in die häßlich mittlere Welt.

Wahrscheinlich hat er mich nie gekannt.
Ich bin ihm wohl zehnmal vorgestellt.
Das letzte Mal hatten wir eine absurde,
Mir unvergeßliche Stunde mitnand,
Als ich zum Kriege gerufen wurde
Nach dem Nordseestrand.

Und als ich zurückkehrte,
War der Verehrte
Verstorben.

Mehr bekämpft als umworben,
Hat er doch trotzig gesiegt.
Ehrliche und unehrliche Feinde
Haben doch ihn nicht kleingekriegt.

In seiner treuen Gemeinde
Will ich mitgenannt sein.

Ich senke jetzt meine Nase
Zu einem stillen Glase
Wein.

Apropos:
Wein gibt sich anders als Bier. Und wo
Ist in München die Wedekindstraße?

Eine Wedekindstraße wird Ringelnatz in München noch immer vergeblich suchen. Aber mittlerweile heißt der alte Dorfplatz von Schwabing „Wedekindplatz“. 1959 kam dann noch der Wedekind – Brunnen, ein Trinkwasserbrunnen, hinzu. Der Bildhauer Ferdinand Filler (1902-1977) verwendete für die Skulptur – und darüber hätte sich Ringelnatz sicherlich besonders gefreut – fränkischen Muschelkalk.

Die Inschrift stammt aus den „Vier Jahreszeiten“ von Wedekind:

Seltsam sind des
Glückes Launen
Wie kein Hirn
Sie noch ersann
Dass ich meist vor
Lauter Staunen
Lachen nicht noch
Weinen kann

 

Übrigens, mehr von und über Joachim Ringelnatz und  „Muschelkalk“ u.a. hier: ringelnatzereien