Vorfrühling (1)

Stürme brausten über Nacht,
Und die kahlen Wipfel troffen.
Frühe war mein Herz erwacht,
Schüchtern zwischen Furcht und Hoffen.

Horch, ein trautgeschwätz’ger Ton
Dringt zu mir vom Wald hernieder.
Nisten in den Zweigen schon
Die geliebten Amseln wieder?

Dort am Weg der weiße Streif –
Zweifelnd frag‘ ich mein Gemüte:
Ist’s ein später Winterreif,
Oder erste Schlehenblüte?

Paul Heyse

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Letzte Blüten

Noch eine Ros‘ am kahlen Strauch
Fand im Advent ich aufgeblüht,
Noch eines Liedes zarter Hauch
Klang mir verstohlen im Gemüt.

Der Rose Blätter taumeln hin,
Da ich sie kaum berührt, ins Beet,
Das Liedchen schwand mir aus dem Sinn –
Für Sommerkinder ist’s zu spät!

Paul Heyse

Bildschirmfoto 2015-12-20 um 09.24.08

Photo © e.a.brokans

Einen schönen 4. Advent wünsche ich Euch allen. Lasst es die nächsten Tage etwas ruhiger angehen…

Und vergesst nicht, das 4. Licht zu entzünden.

Bildschirmfoto 2015-12-20 um 08.57.41

Das Photo ist zwar von mir, aber die Idee habe ich bei Spektrum der Wissenschaft geklaut. Danke dafür.

Morgen am Ufer

Wie der See so lachend ruht!
Nicht ein Wellchen siehst du wallen.
Gleich smaragdenen Kristallen
Hellgeschliffen glänzt die Flut.

Bis zum tiefsten Grund hinab
Die erstaunten Augen gleiten.
Ihre stummen Heimlichkeiten
Lauschest du den Fischen ab.

Leise atmend ruht dein Herz
In der Morgenluft, der lauen,
Auch im Busen magst du schauen
Wie ein Spiel nur Lust und Schmerz;

Während dir zu Häupten sacht
Schwirrt im Ulmenbaum die Grille
Und der Wohlklang dieser Stille
Offnen Augs dich träumen macht.

Paul Heyse

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Neues Leben

Still und hell ist mein Gemüt,
Wie im Herbst ein Sonnentag,
Und doch fühl‘ ich, daß im Innern
Wie durch Lenzes Zauberschlag
Eine junge Schöpfung blüht.

Hast du noch nicht ausgeglüht,
Meiner Jugend Sonnenschein,
Und wenn jetzt der Winter käme,
Würd‘ er mir in Blüten schnein,
Wie im ewigjungen Süd?

Ach, und meiner Flügel Schwung
War so traurig schon gelähmt!
Denn ich habe sterben sehen;
Und nun fühl‘ ich fast beschämt
Mir zum Leben Mut genung.

Wäre nicht Erinnerung,
Schiene Traum, was Leben war!
Aber wen die Götter lieben,
Stirbt er auch in grauem Haar,
Dennoch stirbt er ewigjung.

Paul Heyse

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Der Sommer war zwar groß…

…aber sogar der Amsel war es heute zu heiß.

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Mir auch, darum gibt es heute mal nichts dazu.

Obwohl, ein kleines Geheimnis darf ich Ihnen noch verraten (und wenn jetzt jemand auf den Herr Rilke wartet – leider Pech, kennt ja sowieso jede[r] auswendig):

Laß uns leise bekennen,
Daß wir uns kennen,
In so heimlich halben Lauten,
Wie kluge Vögel,
Die ihr Nest in die Wipfel bauten.

Ferne Zeiten
Haben verschleiert milde Götter,
Wie vor Strom und Tal sich breiten
Zweige, Blüten, dichte Blätter,
Daß sie gern dem kurzen Sommer trauten,
Die klugen Vögel,
Die ihr Nest in die Wipfel bauten.

Singen Vöglein heller,
Locken sie die Knaben,
Nesteplündrer, Vogelsteller.
Wenn die Zweige sich entlaubet haben,
Vor dem ersten Schnee hinaus ins Weite
Schwingt sich freudig Lieb an Liebchens Seite.

Wohl den Vögeln,
Die den freien Lüften sich vertrauten,
Den klugen Vögeln,
Die ihr Nest in die Wipfel bauten!

Paul Heyse

mannigschaliges

Das Weltgeheimnis – nehmt’s nicht übel –
Vergleich‘ ich einer großen Zwiebel.
Wer Schal‘ um Schale sich nah besehn,
Dem werden die Augen übergehn.

Paul Heyse
1830 – 1910

Die große Ibis-Zwiebel  Photo © e.a.brokans 2015.05

Photo © e.a.brokans 2015.05

Oder wie der große Zwiebelschäler Tucholsky schon mit tränenden Augen erkannte:

Was ist im Innern einer Zwiebel –?

Nun nimmt wohl bald der Bauer Geld aus der Schatullen
und macht sich auf mit seiner Kuh zum Bullen –
mit seiner Kuh.

Nun wirft wohl diese Kuh ein Kälbchen sonder Schaden,
und dieses Kälbchen legt dort einen runden Fladen –
das Kälbchen
von der Kuh.

Nun wächst aus diesem Fladen auf der Ackerkrume
wohl bald die schönste rote Bauernblume –
aus dem Fladen
von dem Kälbchen
von der Kuh.

Nun hüpft wohl bald ein Stubenmädchen in dem Grase,
pflückt einen Strauß für ihr Hotel und stellt in eine Vase
die Blumen
aus dem Fladen
von dem Kälbchen
von der Kuh.

In diesem so geschmückten Raum – denn sieh, er hat ihn
ja vorbestellt – liegt froh der heitere Hochzeitsreisende bei seiner Gattin –
in Zimmer 28
mit den Blumen
aus dem Fladen
von dem Kälbchen
von der Kuh.

Und hier empfängt sie einen anfangs anonymen Knaben,
sie trägt ihn aus, gebärt – er ist von großen Gaben –
von den Hochzeitsreisenden
aus Zimmer 28
mit den Blumen
aus dem Fladen
von dem Kälbchen
von der Kuh.

Der Knabe reift heran, erbt einen ganzen Batzen
und gründet sich ein Etablissement für Bett-Matratzen –
der Sohn
der Hochzeitsreisenden
aus Zimmer 28
mit den Blumen
aus dem Fladen
von dem Kälbchen
von der Kuh.

Nun schneuzt sich breit sein erster Vorarbeiter,
wischt sich den Bart und pinselt flötend weiter –
in der Fabrik
des Sohnes
der Hochzeitsreisenden
aus Zimmer 28
mit den Blumen aus dem Fladen
von dem Kälbchen
von der Kuh.

Der Vorarbeiter hat das Bett lackiert. Nun nimmt er einen Schluck.
In diesem Bett tu ich den letzten Atemzug.

Theobald Tiger (aka Kurt Tucholsky)

Siesta

Lieb, o lieb war die Nacht
Mitten am hellen Tag,
Als wir die Läden geschlossen,
Als durch die schützenden Sprossen
Goldige Dämmerung brach.

Kühl, o kühl war der Saal,
Drinnen die Welt uns verging,
Da wir in seligem Schmachten
Wandelten, flüsterten, lachten,
Bis uns der Schlummer umfing.

Süß, o süß war der Traum,
Herz am Herzen geträumt!
Über uns schwebend im Kreise
Flattert‘ ein Schmetterling leise,
Dunkel die Schwingen umsäumt.

Paul Heyse
(1830 – 1914)

© mannigfaltiges 2015.03

© mannigfaltiges 2015.03