Leontodon

Der »erste Mai« steht im Zeichen des »goldgelben Löwenzahn«, Leontodon taraxacum! Auf allen Rasenplätzen in den noch verlassen dastehenden Villengärten Löwenzahn! Auf den freien Wiesen Löwenzahn, am Waldesrande Löwenzahn. Hellgrün mit goldgelb gesprenkelt ist alles. Niemand pflückt ihn, denn er läßt einen weißen Saft in den Stengeln. Ein Unkraut, das sich beschützt, wozu?! Ein süßes Mäderl mit einer lila Seiden-Bauernhaube hielt einen ganzen Strauß davon im Händchen. Das muß eine nette Kinderfrau sein, die das erlaubt. Wahrscheinlich hat sie gesagt: »No wart‘, du unfolgsames Mädi, das weiße Gift wird dich schon brennen!« An der braunen endlosen Tiergartenmauer blüht LöwenzahnLöwenzahn ist die Marke des »ersten Mai«. Sie werden sagen, wieder etwas Apartes, für alle anderen ist es der Flieder, diese lila duftende Wunderstaude. Ja, aber das merken alle, es steigt ihnen aufdringlich in die Nase, in die Augen, er ist akkreditiert und besungen und läßt keinen giftigen weißen Milchsaft, und Gärtner, Hausmeister und Polizei mischen sich drein, wenn man ihn pflückt. Wer aber mischt sich beim Löwenzahn drein?! No, wer sich immer in solche Sachen dreinmischt, der Dichter!

Altenberg, Peter: Mein Lebensabend. Berlin 1–81919, S. 56.
Wenn das so weitergeht, ist der Löwenzahn eher eine Blume des „ersten April“. Im Garten und auf der Wiese nebenan sind die gelben Blüten schon fast alle wieder verschwunden.
IMG_2888

Bild © E.A.Brokans

Anmut, Eleganz und lange Krallen…

…und dazu ein melodischer, abwechslungreicher Gesang:

Die Amsel

Es gibt Leute, die an der Amsel im Gartengebüsche achtlos vorübergehen. Dann gibt es Leute, die sich an der Amsel und ihrem ewigen Regenwurmmord erfreuen. Dann gibt es Leute, die ganz ohne weitere böse Absicht das Leben und Treiben der Amsel ernst-sachlich genau beobachten, sie lernen zu, vergrößern den Kreis ihrer Erfahrungen. Dann gibt es Leute, die die Amsel beobachten, um darüber zu schreiben, meistens ein kleines Gedicht. Dann gibt es Leute, die sich an dem Gehaben der Amsel erfreuen, sie interessiert beobachten, ja fast gerührt, und dennoch nicht darüber schreiben. Aber diese Leute sind heutzutage selten, gleich ich gehöre, wie Sie sehen, nicht dazu.

Peter Altenberg (aus: Mein Lebensabend, Berlin 1919)

Foto © E.A.Brokans

Auch in den Gedichten von Georg Trakl wird die Amsel häufig erwähnt. Aber ob sie nun in entlaubten Ästen klagt, kläglich flötet oder nur sanft klagt. Bei ihm ist alles ziemlich traklich und – na ja eben – kläglich. Vielleicht ließ er sich vom rabenschwarzen Gefieder der Schwarzdrossel täuschen. Trotzdem sind seine Werke Meisterleistungen.
Ich mag es an lauen Abenden sehr gerne, draußen zu sitzen und der Amsel auf dem Dach zuzuhören. Nur frühmorgens, bei geöffneten Fenstern, wünsche ich mir manchmal eine etwas gedämpftere Darbietung der gesanglichen Meisterleistung.
Ansonsten sind es lustige und zutrauliche Gesellen, außer wenn sie in einer konzertierten Aktion eine Katze attackieren, um ihre Nester oder die Jungvögel zu verteidigen. Regenwurm möchte ich natürlich auch keiner sein, wenn eine hungrige Amsel in der Nähe ist.

Und Kurt Tucholsky, der alte Schwerenöter:

Es geht nicht, wenn die linde Luft weht und
die Amsel singt –
wir brauchen alle einen roten Mund,
der uns beschwingt.

(Sehnsucht nach der Sehnsucht;  Weltbühne, 08.05.1919, 4. Strophe)

Filigranes…und etwas Bildung

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Ich liebe dich

Sie: »Wie werden Blätter gelb?!«
Er: »Das grüne Chlorophyll des Blattes verwandelt sich in Gelbstoff, Xantophyll, unter dem Einflusse der Kälte.«
Sie: »Wie werden Blätter roth?!«
Er: »Das grüne Chlorophyll des Blattes verwandelt sich in Rothstoff, Erythrophyll, unter dem Einflusse der Kälte.«
Sie: »Und schwarz?!«
Er: »Das ist das Sterben des Blattes. Wenn es nicht mehr Kraft hat, Farben umzuwandeln, wird es schwarz.«
Sie: »Und Blätter werden Erde?!«
Er: »Ja. Der Schnee zermürbt sie, präparirt sie vor.«
Sie: »Lehre mich Botanik. Aber nicht wie in der Jugend, wie viele Staubgefässe jede Blume hat, wie sie lateinisch heisst, wo man sie findet. Lehre mich das Tiefe, wie sie wird und stirbt und niemals aufbegehrt und wieder wird und stirbt und wieder stirbt und dann doch auflebt – – –.«
Er: »Anatomie, Physiologie der Pflanzen?!«
Sie: »Ja, das.«
Er: »So komm‘. Es ist zu kalt zum Sitzen im Freien. Und wir sind in Jahren – – –. Wir brennen Holz im Ofen und ich lehre Dich, wie junge Stämme ihren Ring ansetzen. Vor Allem, weisst Du, wenn im ersten Frühjahr – – –.«
Und sie ging schweigend, lauschend neben ihm.

Peter Altenberg, Der Revolutionär dichtet. Berlin 1914

Peter Altenberg (1859 – 1919) war der Prototyp des Kaffeehausliteraten, noch heute sitzt er im Café Central zu Wien und wartet, wie sein ganzes Leben lang, auf Spenden, Gönner und Einfälle.