Frühling (à la Ringelnatz)

Nicht nur im Februar, sondern auch schon im Januar.
Mit Tulpen statt mit Rosen, aber mit tropfenden Spargel aus Dosen.
Den Rest könnt ihr Euch denken, oder einfach schenken.

Frühling

Die Bäume im Ofen lodern.
Die Vögel locken am Grill.
Die Sonnenschirme vermodern.
Im übrigen ist es still.

Es stecken die Spargel aus Dosen
Die zarten Köpfchen hervor.
Bunt ranken sich köstliche Rosen
In Faschingsgirlanden empor.

Ein Etwas, wie Glockenklingen,
Den Oberkellner bewegt,
Mir tausend Eier zu bringen,
Von Osterstören gelegt.

Ein süßer Duft von Havanna
Verweht in ringelnder Spur.
Ich fühle an meiner Susanna
Erwachende neue Natur.

Es lohnt sich manchmal, zu lieben,
Was kommt, nicht ist oder war.
Ein Frühlingsgedicht, geschrieben
Im kältesten Februar.

Joachim Ringelnatz

Photo © e.a.brokans

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Kein Obst – nur eine Blume!

Frucht-Zucht-Frucht

Bananen, Melonen, Ananas – –.
Alle Früchte haben etwas –
Frei gesagt: Unanständiges,
Etwas Nuditätes an sich.
Darüber freue ich mich.
Denn das ist etwas Unbändiges.
Instinktiv oder auch bewußt
Haben wir alle daran unsre Lust.

Aber die darüber erschreckt sind,
Sich entrüsten und jemand verklagen,
Denen wollen wir andere sagen,
Daß wir schon lang nicht mehr a.A. geleckt sind.
Und das muß – wenn auch nur theoretisch –
Immer mal wieder auf Erden geschehn.
Sonst werden wir Mehlbrei und hyperästhetisch
Und werden rot, wenn wir Pfirsiche sehn.

Joachim Ringelnatz

Mein Obst hat die Weihnachtszeit nicht überstanden, so durfte die Rosenblüte (aber die ist ja auch essbar):

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Letzte Blüten

Noch eine Ros‘ am kahlen Strauch
Fand im Advent ich aufgeblüht,
Noch eines Liedes zarter Hauch
Klang mir verstohlen im Gemüt.

Der Rose Blätter taumeln hin,
Da ich sie kaum berührt, ins Beet,
Das Liedchen schwand mir aus dem Sinn –
Für Sommerkinder ist’s zu spät!

Paul Heyse

Bildschirmfoto 2015-12-20 um 09.24.08

Photo © e.a.brokans

Einen schönen 4. Advent wünsche ich Euch allen. Lasst es die nächsten Tage etwas ruhiger angehen…

Und vergesst nicht, das 4. Licht zu entzünden.

Bildschirmfoto 2015-12-20 um 08.57.41

Das Photo ist zwar von mir, aber die Idee habe ich bei Spektrum der Wissenschaft geklaut. Danke dafür.

Als ein Dichter im Weinmonath ihr eine Rose gab

Die reife Traube hört ich jüngst zur Rose sprechen:
Wo kommst du her? wo willst du hin?
Sie sprach: Mich gab der Herbst. Ein Dichter soll mich brechen,
Für eine Dichterin.

Anna Louisa Karsch

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

 

Anna Louisa Karsch, (1722 – 1791)
Leicht hatte sie es nicht zu jener Zeit. Mit 15 zum erstmal verheiratet, erhielt sie von einem Rinderhirten ihren ersten Lesestoff. Obwohl sie von Friedrich II teilweise gefördert wurde, blieb ihr Leben hart und entbehrungsreich.

Es lohnt sich die Biografie bei zeno.org durchzulesen. Dort ist auch das Bild einer ausgemergelten und ausgezehrten Person beigefügt, der die Fährnisse des Lebens ins Gesicht gemeißelt wurden.

Wenn die Rosen ewig blühten…

Wenn die Rosen ewig blühten,
Die man nicht vom Stock gebrochen,
Würden sich die Mädchen hüten,
Wenn die Burschen nächtlich pochen.

Aber, da der Sturm vernichtet,
Was die Finger übrigließen,
Fühlen sie sich nicht verpflichtet,
Ihre Kammern zu verschließen.

Friedrich Hebbel

Photo © e.a.brokans

Photo © e.a.brokans

Hebbel, Friedrich, *1813, +1863, dt Dichter; seine bedeutendse Leistung sind seine Dramen, in denen er d. „furchtbare Notwendigkeit“ gestaltet, durch die Menschen nicht schuldhaft an der Wende einer Geschichtsepoche untergehen zugunsten der historischen Weiterentwicklung (Einfluß Hegels);
[…]
Quelle: Duden Lexikon G-O, Mannheim1962

Auf dieses Gedicht aufmerksam wurde ich, ansonsten nicht unbedingt ein großer Hebbel-Fan, durch Marcel Reich-Ranicki und seiner – posthum von Thomas Anz herausgegeben – Aufsatzsammlung „Meine Geschichte der deutschen Literatur“.
Erschienen ist das Buch bei der DVA bzw. der Büchergilde Gutenberg. Ich kann es nur wärmstens empfehlen.

Der Aufsatz über Friedrich Hebbel lässt sich aber auch hier lesen.

Herr Mühsam sucht…

Ich wollt‘ dein Bett mit einer Rose schmücken,
Ich fand sie nicht.
In ihr sollt meine Reinheit dich beglücken.
Du fandst sie nicht.
Wie oft schon schenkte ich dir Herzensgaben!
Du fandst sie nicht.
Ich hofft‘, mein Herz sollt‘ endlich Ruhe haben.
Ich fand sie nicht.

Erich Mühsam

Photo © e.a.brokans 2015

Photo © e.a.brokans 2015