Noch so ein Wanderer

Die Distelfalter (Vanessa cardui) sind – wie die Admirale auch – Wanderfalter. Sie kommen aus dem warmen Mittelmeerraum, bevorzugt aus den subtropischen Steppengebieten. Im Frühjahr trägt sie der Wind zu uns oder noch weiter nach Norden. Während des Sommers produzieren sie dann eine oder mehrere Nachfolgegenerationen.
Die Distelfalter würden unseren Winter, mag er noch so mild sein, nicht überstehen. Gezwungenermaßen müssen sie sich im Herbst wieder in den Süden wehen lassen. Die Alpen sind dabei das größte Hindernis, viele schaffen die Überquerung nicht und sterben auf den Gletschern.

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Da kriegst du die Motten…

Die Motte

Wie eine Motte flattert um die Flamme,
So schwebt auf leisen Schwingen meine Stimme
Um das erhellte Fenster deiner Kammer.

Wird sie die Schwingen sich am Licht verbrennen?
Ich wag‘ es drauf! Das Wagen hilft gewinnen.
Ich wag‘ ein Ständchen unter deinem Fenster!

Und wenn du schmählst und rufst wohl gar die Mutter,
So reiß‘ ich alle Saiten von der Zither,
Und beiß‘ ein Stückchen ab von meiner Zunge.

Wilhelm Müller

Photo © e.a.brokans

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Die meisten denken bei dem Wort Motte natürlich sofort an ihren Kleiderschrank oder an schlecht verschlossene Müslibüchsen mit unliebsamen Naschgästen. Aber der kleine Falter mit dem schicken Outfit ist eine Langhornmotte. Diese Schmetterlingsart lebt bevorzugt im Wald, ist nicht nachtaktiv, sondern hocherfreut über Sonnenschein. Wenn die warmen Strahlen dann bis ins Unterholz vordringen, tanzen sie zu hunderten im Licht um die holde Weiblichkeit zu beeindrucken.

Übrigens war der Herr Wilhelm Müller (1794 – 1827), der uns hier mit seinem Gedicht die uralte Tradition des Fensterlns beschreibt, auch der Schöpfer der Zyklen „Die schöne Müllerin“ und „Die Winterreise“, welche dann von Franz Schubert kongenial vertont wurden.

Manni, Frau Dr. Grill, Nabokov und so…

Schöne Grüße von Manni (dem Falter) soll ich ausrichten. Er ist momentan etwas unpäßlich. Er steckt in einem Schaukasten fest. Das mit dem feststecken könnt Ihr wörtlich nehmen, denn jemand hat ihm eine Nadel durch die Brust gejagt und ihn damit festgepinnt. Aber es war eh ist nur noch seine äußere Hülle. Seine Seele ist schon längst weitergewandert. Das hier ist sein neues Outfit:

Photo © e.a.brokans

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Er ist jetzt ein Spanner und muss meist nachts arbeiten. Nein, nicht was Ihr schon wieder denkt. Der Name kommt von der etwas merkwürdigen Fortbewegungsart im Raupenstadium. Die Spannerraupe hat nur vorne und hinten jeweils ein paar Beine. Dadurch muss sie sich dauernd krümmen und strecken (spannen eben) um vom Fleck zu kommen. Ihr kennt das ja vom Job.

Wer mehr über Manni und seine Artgenossen wissen will, sollte unbedingt das kleine Büchlein „Schmetterlinge“ von Andrea Grill (erschienen bei Matthes & Seitz) lesen. Die Autorin, promovierte Biologin und Schriftstellerin, weiß wovon sie schreibt. In ihrer Doktorarbeit ging es um die Evolution endemischer Schmetterlinge in Sardinien. Aber sie doziert hier nicht, sondern schildert in sehr persönlich gefärbten Texten die Faszination der Schmetterlinge. Auch wenn sie selbst nicht unbedingt auf Anhieb dieser Faszination erlegen ist.

Aber  nicht nur Schmetterlinge werden beschrieben, auch die Liebhaber und Erforscher der Falter werden gewürdigt. Von Aristoteles (Psyche war übrigens das altgriechische Wort für Schmetterling) über Maria Sybilla Merian (von der hier schon mal was zu lesen war) und Darwin, spannt sich der Bogen bis hin zu einem der größten Amateur-Schmetterlingsforscher  namens Vladimir Nabokov.

Kann ein Schmetterling denken und fühlen? Kann er Träumen, und wenn ja, was? Empfindet er Schmerzen? All diese Fragen, deren letztendliche Klärung wohl noch aussteht, werden kurz aber  erhellend behandelt.
Neben etlichen, im Buch verstreuten Zeichnungen, werden auch noch 21 ausgewählte Schmetterlingsarten ausführlicher mit Text und Zeichnung porträtiert.

Eine kleine Dreingabe:

Diese schnelle, aber wie ich finde wunderbare, Skizze stammt von Albert Bierstadt (1830 – 1902). Eigentlich ein romantisierender Landschaftsmaler im Amerika des 19. Jahrhunderts. Im Alter sehr vereinsamt und bankrott, schuf er mehrere dieser zauberhaften kleinen Werke.

Quelle: http://www.zeno.org/nid/20003890791 gemeinfrei

Quelle:  http://www.zeno.org/nid/20003890791   gemeinfrei

Und wer mehr über Nabokov, seine literarischen Werke und seine Liebe zu Schmetterlingen erfahren will, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen: Lila Azam Zanganeh, Der Zauberer – Nabokov und das Glück, Büchergilde Gutenberg 2015.

Und noch eine kleine Anmerkung: ich hab mir alle diese Bücher selbst gekauft, und bekomme auch nichts für deren Erwähnung.

Nennt mich Manni.

Ich bin ein Falter. Dieser Name erklärt sich wohl von selbst. Flügel auf, Flügel zu – falten halt. Alles klar. Aber warum Schmetterling? Oder haben Sie schon mal einen Falter eine Arie schmettern hören? Von einem Schmetterball ganz zu schweigen.

Fragen Sie doch doch mal Ihre Vorfahren, die mit dem ostmitteldeutschen Idiom, die werden Ihnen sagen was Schmetten bedeutet. Nämlich Schmand oder Sauerrahm oder so’n Zeugs. Und früher, also ganz früher, hielt man Raupen und ähnliches Gewürm für Teufelsbrut, entstanden aus Schlamm und den Ausscheidungen anderer Tiere. Dieser Meinung war auch Aristoteles, aber der hielt auch die Sklaverei für naturgegeben. Barbarenstämme – damit waren wohl die Nordeuropäer gemeint – waren weniger vernunftbegabt als die Griechen und konnten diesen somit nur als Sklaven dienen. Tja, wie schon der große Philosoph B. Dylan meinte: Die Zeiten, die tun sich ändern.  Aber das nur am Rande.

Zurück zur Teufelsbrut: Also damals glaubte man, dass sich Hexen in Schmetterlinge verwandelt könnten, nur um den Menschlingen die gute Butter oder den Rahm zu verderben. Die Angelsachsen waren auch nicht besser, sie nannten uns Butterfliegen, wohl aus dem selben Grund.

Aber dann kam Frau Maria Sybilla Merian, geboren 1647 zu Frankfurt am Main.

Jede freie Minute erforschte sie unser Leben, sammelte und fütterte Raupen, beobachtete was sich tat. Dabei dokumentierte sie zeichnerisch alle Stadien der Entwicklung von der Raupe zu den „Mandelkernen“, wie sie die Kokons nannte, bis hin zu den „Sommervögelchen“, wie sie uns sehr charmant bezeichnete. Die Kollegen von der Nachtschicht wurden „Mottenvögelein“  oder „Eulenfalter“ getauft.

Da gewinnbringendes Malen – so mit oder in Öl – denn  Männern vorbehalten war, arbeitete sie vorwiegend mit Zeichnungen, Aquarellen und stach in Kupfer. Aus diesen zauberhaften Blättern, welche meist sämtliche Stadien des Schmetterlingsleben zusammen mit deren bevorzugter Futterpflanze zeigten,  entstanden dann ihre wunderbare Bücher. Sie war eine Pionierin auf dem Gebiet der Erforschung und künstlerischen Darstellung von Blumen und niederen Tieren. Sie reiste bis nach Surinam in Westindien, nur um dort Flora und Fauna zu beobachten und zu zeichnen. Und das alles als allein erziehende Mutter, von ihrem Mann hatte sie sich getrennt.

Ansonsten lebte sie sie nur von und für ihre Kunst. Obwohl zu ihrer Zeit schon berühmt und geschätzt, wurde sie 1713 in Amsterdam als „unvermögend“ in einem Armengrab beigesetzt. Am Tag ihres Todes erhielt sie endlich noch einen erkleckliche Geldbetrag des Zaren. Aber den konnte sie nicht mehr mitnehmen.

Tja, das war es dann wohl für heute, ich gauckle mal rüber zu Herrn Nabokov, mal sehen was der so treibt. Aber Vorsicht ist geboten, er hat dieses äußerst unangenehme und  gefährliche Sammelleidenschaft. Da endet man aufgespießt in irgendwelchen Schaukästen. Also hoffentlich bis demnächst in alter Frische.

Bleiben sie flatterhaft und vielfältig
Ihr Manni Falter

Photo © e.a.brokans

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Nun ist er schon wieder weg, der Manni.Ein etwas unsteter Bursche. Immer unterwegs, mal hier mal dort, mal macht er diese oder mal jenes mal gar nichts. Also muss ich noch etwas ergänzen:

Manni hat seinen Informationen wohl aus sehr schönen Büchlein von Boris Friedewald mit dem Titel „Maria Sibylla Merians Reise zu den Schmetterlingen“, erschienen bei Prestel (im Verlagslink auch ein paar ihrer Bilder). Handlich, nur etwas größer als ein Taschenbuch, gibt es einen kurzen Abriss über das Leben der Merian. Viele ihrer Zeichnungen und Kupferstiche ergänzen das Werk auf’s trefflichste, und das zu einem sehr moderaten Preis.

Auch Emma hat einen schönen Artikel dazu.

Für die Überschrift  – Ein Klassiker, der vor 164 Jahren das Licht der literarischen Öffentlichkeit erblickte – muss sich Manni wohl bei Herrn Melville bedanken.

EAB

Ein Admiral auf der Durchreise

Natürlich handelt es um keinen maritimen Popanz, sondern um einen Tagfalter gleichen Namens aus der Familie der Edelfalter. Jedes Jahr, im Herbst, kommen sie zu dutzenden von Norden und stärken sich an den Blüten des Efeus, bevor sie Richtung Süden weiterziehen oder gleich hier überwintern.

Herr Schlegel beschrieb allerdings in seinem Gedicht vermutlich keinen Schmetterling, sondern eher seine eigene Flatterhaftigkeit oder zumindest einen Frauenhelden. Oder wie sagt man heute – „Womanizer“.

Schmetterling

Wie soll ich nicht tanzen?
Es macht keine Mühe;
Und reizende Farben
Schimmern hier im Grünen.
Immer schöner glänzen
Meine bunten Flügel,
immer süßer hauchen
Alle kleinen Blüten.
Ich nasche die Blüten,
Ihr könnt sie nicht hüten.

Wie groß ist die Freude,
Sei’s spät oder frühe,
Leichtsinnig zu schweben
Über Tal und Hügel.
Wenn der Abend säuselt
Seht ihr Wolken glühen;
Wenn die Lüfte golden,
Scheint die Wiese grüner.
Ich nasche die Blüten,
Ihr könnt sie nicht hüten.

Friedrich Schlegel

Photo © e.a.brokans

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Der Duden von 1962:

Schlegel, Friedrich von. *1772, +1829 […] dt Dichter; Theoretiker u. Programmatiker der Romantik, derern Kunstprinzipien er in genialen und geistvollen Aphorismen (Poesie als alles durchdringenden magische Kraft, Ironie als freies Spiel des Geistes formulierte […]

 

Der Käfer und der Schmetterling

Schmetterling, fliegest so stolz mich redlichen Käfer vorüber.
Gelt, du scheuest den Freund, der dich als Raupe gekannt.

Friedrich Müller

Photo ©e.a.brokans

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Meine Lieblingssuchmaschine (Duden 1962) meint dazu:

Maler Müller, eigentl. Friedrich Müller, *1749, +1825, dt. Dichter und Maler; meisterhafte volkstüml.- Idyllen…Balladen, Dramen(Faustfragment); Zeichnungen, Radierungen.

Wer mehr über Herrn Müller wissen möchte, kann sich hier informieren. Und nein, ich weiß leider nicht wie der Schmetterling heißt. Das Photo entstand im Schmetterlingshaus der Insel Mainau.