Intermezzo am Mittwoch

Winterabend

Wie muß der Tag sich neigen
Im Winter, ach, so bald;
Ein tiefes, mildes Schweigen
Liegt über Flur und Wald.

Am Himmel noch ein Schimmern,
Ein letztes, doch kein Stern;
Trübrothe Lichter flimmern
Aus Hütten still und fern.

Und trüb und immer trüber
Der Landschaft weiter Kreis;
Es zieht der Bach vorüber
Eintönig unter’m Eis.

Horch – welch ein leises Beben
Urplötzlich in der Luft?
Geheimnißvolles Weben,
Geheimnißvoller Duft!

Wie ferne, ferne Glocken
Erklingt’s – so wohl – so weh‘ –:
Da fällt in dichten Flocken
Zur Erde sanft der Schnee.

Ferdinand von Saar

Photo @ e.a.brokans

Photo @ e.a.brokans

Ferdinand von Saar, *1833, +1906, österr. Dichter; melancholisch-empfindsame Erzählungen, schwermütige Gedichte; „Novellen aus Österreich“ u.a. [Duden 1962]

Ja, ich weiß, es ist warm und es hat keinen Schnee, zumindest nicht in meiner näheren Umgebung. Aber manchmal muss man sich die Realität eben ein bisschen zurechtbiegen. Dann fällt vielleicht auch die für heute anberaumte Pflichtweihnachtsfeier etwas angenehmer aus.
In diesem Sinne – gehabt Euch wohl!

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Der Tag, der keine Sonne sah…

Der Tag, der keine Sonne sah, verbleicht;
Der Weg versinkt in abendschwerem Regen.
Der müde Fuß, den weicher Schlamm umschleicht,
Steigt Schritt vor Schritt der Dunkelheit entgegen.

Zu beiden Seiten kriechen niedre Hecken,
Den Fuß belauernd, hin am Wegesrand.
Gekappter Bäume kahle Äste recken
Sich hoch wie Finger einer Totenhand. –

Und schwärzer wird die Nacht – und endlos dehnt
Die Straße sich – und schmutziger Regen tropft. –
Nie hat die Seele sich so heiß gesehnt; –
Nie hat das Herz so lebenswild geklopft.

Erich Mühsam
Dichter, Publizist und Anarchist
1887 – 1934 (im KZ Oranienburg ermordet)

© mannigfaltiges

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